Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

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tandhygienist
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Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von tandhygienist » 22.09.2010, 09:51

Ich arbeite nun schon seit 3 Monaten in einer schwedischen Zahnarztpraxis und möchte mal ein bisschen davon erzählen.

Die Praxis ist relativ klein, hier arbeiten mein Chef und sein Sohn in 2 Behandlungszimmern. Ich habe zwei Kolleginnen, wir wechseln uns aber immer ab. Der Sohn schafft meistens alleine. Für jeden Patienten ist viel Zeit, meistens 1 Stunde, eingeplant. Das ist wichtig hier in Schweden: nur nicht stessen lassen. Wenn der Patient nicht kommt: ist nicht schlimm, dann können wir "fika" machen(gemeinsames Beieinandersitzen und Kaffepause). Die Praxis ist sehr unordentlich. Anfangs habe ich versucht aufzuräumen, habe das aber nach ein paar Wochen eingestellt, da ich die Einzige bin, die wohl auf Ordnung achtet und es keinen Sinn macht. Überall begegnet einem IKEA, sei es als Aufbewahrungsboxen, Servietten oder sogar Schubladeneinsätze.

Das Verhältnis untereinander ist kollegial und wenig hierarchisch. Man duzt sich untereinander und auch die Patienten. Das war schon komisch in der ersten Zeit, die Patienten mit Lars, Bosse oder Lena aufzurufen. Die Zahnärzte arbeiten sehr autodidaktisch, d.h., eine Stuhlassistenz ist gar nicht unbedingt nötig. Wenn eine Helferin da ist, ist es gut, wenn nicht, machen sie es eben alleine!

Mein Chef ist sehr grosszügig, er geht oft mit uns essen, ich bekam ohne Probleme Arbeitskleidung und ich bekomme oft etwas mehr Geld, als ausgemacht ist. Das ist hier –glaube ich- auch nicht unüblich, man will, dass die Arbeitnehmer sich wohlfühlen, nicht zu sehr gestresst sind und „fika“ ist das Wichtigste für Schweden überhaupt. Die Zahnärzte legen grossen Wert auf unser Wohlbefinden, ich werde immer gefragt, ob mit der Familie alles okay ist, auf meine Bedürfnisse wird grossen Wert gelegt. Das sind dann so Formulierungen wie: „har du lust“ ("hast du Lust"...etwas zu tun) oder „om du vill“ ("wenn du willst") . Und beide bedanken sich ganz häufig für meine eigendlich selbstverständliche Arbeit. Das kenne ich von keinem deutschen Zahnarzt (und ich habe, dadurch dass wir einige Male umgezogen sind, etliche davon erlebt) das ist aber –natürlich- sehr angenehm und zeigt mir, dass es auch anders gehen kann.

Zahnarzthelferin ist hier kein Ausbildungsberuf. Es gibt zwar Privatschulen zur Ausbildung, meist geht man jedoch als ungelernte Kraft in eine Praxis und macht „learning by doing“.(Das ist hier so bei allen Ausbildungsberufen) So ist meine Kollegin z.B. seit 9 Jahren in dieser Praxis, hat aber keine Ausbildung. Die andere ist studierte Kunsthistorikerin.

Leider ist so eben auch mein Arbeitsalltag. Ich bin eine bessere Hygienefachkraft, die ab und zu mal den Saugschlauch in den Mund hält. Das ist unbefriedigend, aber nun mal mein Problem. Die Schweden legen grossen Wert auf Arbeitsergonomie, so sind die meisten Materialien völlig easy in Kartuschen zu verwenden: Spritzenaufsatz wechseln, los geht`s !! Da hat man noch nicht mal die Herausforderung Harvard so genau anzurühren, das man perfekte kleine Kügelchen draus formen kann.. :-D Vieles macht der ZA selbst: Röntgen, Abdrücke, Provis, Zst-entfernung. Leider ist eine Veränderung aufgrund der Sprachbarriere (ich spreche leider immer noch nicht soo besonders gut Schwedisch) und der Tatsache, dass ja eh nur ein Zimmer pro ZA zur Verfügung steht, schlecht zu realisieren. Ausserdem darf eine ZAH das ja hier gar nicht.

Noch eine interessante Erfahrung: der Sohn hat sich (ich denke mal aufgrund mangelnder Patienten) der „hemlösa“ (ungefähr: heimat- oder obdachlosen) Patienten in Stockholm angenommen. Die bekommen hier der dollsten Zahnersatz: Kronen, Brücken (gerne auch mal Vollkeramik),... alles was das Herz begehrt. Das nenne ich Sozialismus!

Zimtschnute
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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von Zimtschnute » 22.09.2010, 11:31

Hallo "tandhygienist".

Du berichtest sehr interessant von deinem beruflichen Alltag in Schweden. Dennoch scheinst du nicht ganz zufrieden zu sein. Die deutsche Ordnung geht dir wohl etwas ab. Oder lese ich das falsch aus deinem Statement?

Ich finde es bemerkenswert, dass man in einem medizinischen Beruf ungelernt arbeitet. Aber genau daher sind die ZÄ wohl im Alleinarbeiten geübt und beschweren sich nicht, wenn ihm keine ZAH assistiert.
Sind die Schweden wirklich an dem Wohl ihres Personals interessiert o. sind die Fragen nach dem Wohlbefinden evtl. nur Floskeln wie das Englische "How´re you?"

Hast du evtl. Kenntnis davon, ob es sich in Norwegen ähnlich verhält wie in Schweden?
Kannst du mir einen Tipp geben, wo ich im Internet auf Stellenanzeige treffe, die sich auf den Norwegischen Markt bzw. allg. Skandinavien beziehen?
Darf ich Fragen wieviel man verdient und wie hoch die Lebenshaltungskosten sind? (Ich lebe in München, verdiene gerade vierstellig und habe eine Miete von der Hälfte meines Lohnes, aber nur eine ganz kleine Whg., also unverhältnismäßig teuer.)

Danke vorab und schöne Grüße nach Schweden!

slimline
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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von slimline » 22.09.2010, 13:55

Hallo.... hier hast du also weiter berichtet. Ich hatte vor vielen Jahren mal das Vergnügen mit einem schwedischen Zahnarzt zusammen zu arbeiten ( hilfe wie wird das Wort geschrieben?? zusammenzuarbeiten? ) Habe damals gedacht der will mich auf den Arm nehmen, weil er sich ständig bedankte und immer wieder fragte ob ich gut sitze oder auch gut sehen kann. Ja und liebend gern hat er Pause gemacht und Kaffee getrunken. War eine tolle Zeit. Allerdings war er auch der Meinung das in Deutschland zu wenig Teamwork betrieben wird. Diese Wort wurde damals nur im Flüsterton ausgesprochen . Mein alter Chef hätte mir den Puls gefühlt.Zu dieser Zeit war das Zauberwort " Hr. Doktor hier Hr. Doktor da " leider verließ uns der nette Kerl dann auch bald wieder in Richtung Schweden. Hätte ihn gern mal wiedersehen.Er erzählte noch von dem unglaublichen Umstand, das in seiner Heimat sich mittlerweile mehrere DH zusammenschließen, eine Praxis eröffnen und für die paar Flg. die es noch zu machen gibt einen Zahnarzt einstellen. Ausserdem sagte er man bekommt eh nur die Zeit die man benötigt bezahlt, egal was man macht. Also machte er auch liebend gern eine PZR. Ist das heute immernoch so? L.G.
Zuletzt geändert von slimline am 22.09.2010, 16:38, insgesamt 1-mal geändert.

Sixtina
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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von Sixtina » 22.09.2010, 15:50

Super IDee, hat sich eigendlich schon mal jemand damit befasst ob das in Deutschland auch geht? Haftungstechnisch und ähnliches. Ich meine Praxis gründen und Zahnarzt anstellen? Alle schreien immer gleich nein geht nicht . Aber was ist ein Krankenhaus mit angestellten Ärzten?

tandhygienist
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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von tandhygienist » 22.09.2010, 21:03

Na klar geht mir die Ordnung ab. Was man schliesslich von klein auf schon mit der Muttermilch eingeimpft bekommen hat, kann man schlecht innerhalb von 2 Jahren ablegen...

Ja, und unzufrieden bin ich auch. Ich bin ZMP und arbeite hier als bessere Hygienefachkraft, das ist einfach unbefriedigend für mich.

Das Interesse an meinem (des Arbeitnehmers) Wohlbefinden ist –glaube ich- schon echt. Man kündigt hier viel leichter einen Job, da man ja auch mal als Verkäufer, Bäcker oder Friseur arbeiten kann. Ausserdem ist die Arbeitslosigkeit sehr gering, es leben schliesslich nur 9 Mill Menschen in diesem riesigen Land. Und nicht zuletzt haben die Schweden grossen Respekt vor dem Anderen. Die Familie hat höchste Priorität und alles andere steht –in der Regel- dahinter.

Wie die Situation in Norwegen ist, weiss ich nicht, denke aber mal sehr ähnlich. Wenn du Interesse am Auswandern allgemein hast, sind die Seiten www.inschweden.se und www.schwedentor.de sehr hilfreich. Infos über Jobs bekommt man unter www.vakanser.se oder www.ams.se (Arbeitsamt, auch in Deutsch) . Wie viel „man“ verdient, weiss ich nicht, ich bekomme etwas über 15€ die Stunde (als ZAH), man darf aber nicht vergessen, dass wir im Grossraum Stockholm leben, hier sind die Lebenshaltungskosten exorbitant hoch. Das ist auf dem Land ganz sicher anders. Generell sind die Gehälter nicht so üppig, (unter anderem) arbeiten deshalb ja hier auch immer beide: Mann und Frau.

Bezüglich des ZA-Verdiensts sei zu sagen, dass es darauf ankommt, ob der ZA in einer staatlichen Klinik („folktandvard“) angestellt ist, oder eine eigene Praxis hat. Dann verdient er natürlich nur, wenn auch ein Patient da ist. Zahnärztliche Leistungen (ausser bei Kindern) sind übrigens nicht im staatlichen Gesundheitssystem enthalten (ausser man ist „hemlös“, s.o....), man bezahlt also seinen ZA immer sofort und privat.

P.S: Noch `ne kleine süsse Anekdote: die Schweden ziehen im Haus immer an der Garderobe ihre Schuhe aus (bei Festen hat man dann ein paar Wechselpumps im Plastikbeutel mit...), so auch gerne in der Praxis!!! Deshalb stehen also bei uns süsse Pantoffeln im Eingangsbereich, mache Patienten kommen auch strumpffüssig in das Behandlungszimmer. In anderen Praxen gibt es z.B. auch so „Schuhkondome“ (Überzieher aus Plastik). Auch da hab ich das erste Mal nicht schlecht gestaunt, als ich das gesehen habe.....................

Guet`s nächtle!!

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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von April » 24.09.2010, 14:45

hi,

lese hier ganz gespannt. hört sich interesseant an.andere länder andere sitten :shock:

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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von ZMP » 25.09.2010, 10:32

Danke für die Einblicke-ist sehr interessant.
allerdings tut es mir für dich echt leid, das du unzufrieden bist-wäre ja echt schön, wenn du deine erlernte Tätigkeit ausüben könntest.
wird die Ausbildung zur ZMP dort dann nicht anerkannt? Habe ich so verstanden. Weil sonst könnte dein Chef den Pat. ja erklären, daß du den Beruf so in D gelernt hast u daß du den ausführen darfst-falls die Pat. verunsichert wären...aber dann kommt das Probl. mit dem BH-Zimmer nicht wahr...alles nicht einfach.

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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von tandhygienist » 26.09.2010, 17:31

Nein, den Beuf der ZMP gibt es hier nicht: entweder (ungelernte) ZAH oder examinierte (3jährige Schulausbildung) DH. Und das muss von "socialstyrelsen" (eine Art Ordnungsamt) abgesegnet sein.

Mein Chef lässt mich schon ab und zu mal Zst entfernen, aber von der Arbeit einer richtigen ZMP mit eigenen Patienten ist das weit entfernt. Leider sind wir durch den Job meines Mannes hier z.Zt. ein bisschen auf "Parkposition", d.h. nächstes Jahr geht`s wahrscheinlich wieder nach Schland zurück und jegliche Anstrengung, was zu verändern, lohnt sich nicht so recht.

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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von vonnneu » 14.03.2011, 09:08

Mhm so angenehm das Arbeitsumfeld, was die Kollegen und den Chef betrifft auch klingt, muss ich doch sagen, dass man deine Unzufriedenheit sehr mitbekommt. Natürlich ist das Leben in Schweden ganz anders, aber, ich muss dir recht geben, dass Hygiene, vor allem in einer Praxis, von größter Wichtigkeit ist.

Hast du schon einmal überlegt, mit deinem Chef zu sprechen, was deine Tätigkeiten betrifft? Und ihm gesagt, dass du eigentlich unzufrieden bist mit deinem Aufgabengebiet? Ich muss sagen, dass ich schon öfter in Schweden war, und das Umfeld auch mitbekommen habe, aber seit ich in meinem Münchner Zimmer wohne und hier bei einem Zahnarzt arbeite, bin ich eigentlich auch relativ zufrieden - aber ich vermisse die typisch schwedische Offenheit und Freundlichkeit. Das ist echt etwas, dass die deutschen Chefs hier wirklich lernen könnten.

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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von tandhygienist » 18.03.2011, 20:30

Na, weisst du, wir sind sowieso nur noch bis zum Sommer hier in Schweden, dann geht es zurück an den Bodensee - wenn jemand einen Job für eine ZMP weiss in Konstanz: bitte bitte melden...!!- , da lohnt sich eine Veränderung hier nicht. Ich denke wenn ich bleiben würde, würde ich mich nochmal ganz neu umsehen hier.

julia95
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Re: Arbeiten in Schweden - ein kleiner Einblick!!

Beitrag von julia95 » 22.02.2018, 12:03

Hallo, ich bin im Juni 2018 fertig mit meiner Ausbildung zur ZMF.
Würde gerne vorzugsweise nach Schweden gehen für 6 Monate und dort ein Praktikum machen. ´
Hat jemand zufällig Kontakt /arbeitet selbe rin einer Praxis und mag mir weiterhelfen?
Bis jetzt nur Absagen, dabei werde ich durch die Schule vom Erasmus+ Projekt komplett finanziert, den Praxen entstehen keine Kosten!!!!
Biete mich also als kostenlose Kraft an, möchte nur etwas das Land mehr kennen lernen und den dortigen Praxisalltag. :)
LG Julia

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